Laborwert

Bilirubin gesamt: Normalwert und Bedeutung

Bilirubin ist der einzige Routine-Leberwert, den man ohne Labor sieht. Sklerenikterus (gelbe Augen) tritt klinisch sichtbar ab etwa 2-3 mg/dl auf, Hautikterus ab 3-4 mg/dl. Genau diese visuelle Komponente verändert die Interpretation: ein erhöhter Bilirubin-Wert kann durch Mahlzeit, Fasten und Stoffwechsel-Tagesschwankungen entstehen — aber sobald Gelbfärbung sichtbar wird, verschiebt sich die Diagnostik. Die erste Trennung lautet dann direkt oder indirekt. Indirektes Bilirubin passt eher zu Gilbert-Syndrom (UGT1A1*28-Polymorphismus, Prävalenz 5-10 %), Fasten, Infekt oder Hämolyse. Direktes Bilirubin weist stärker auf Lebertransport, Cholestase oder Galleabfluss. Gesamtbilirubin ist deshalb kein klassischer Enzymwert wie ALT oder Gamma-GT, sondern ein Marker für Bildung, Konjugation und Ausscheidung — gleichzeitig wichtigster Synthese-Prognose-Wert in den Scores MELD (Bilirubin, INR, Kreatinin) und Child-Pugh. gesundheit.gv.at ordnet Bilirubin als Leberwert ein; EASL-Cholestase-Leitlinien 2022 bewerten es gemeinsam mit AP, Gamma-GT, ALT und AST. Bei Bilirubin > 2 × ULN plus ALT > 3 × ULN bei AP < 2 × ULN erfüllt der Wert Hy's Law als DILI-Mortalitäts-Indikator.

Was ist Bilirubin gesamt?

Bilirubin entsteht beim Abbau von Häm, vor allem aus alten roten Blutkörperchen (täglich etwa 6 g Hämoglobin werden abgebaut, was 250-350 mg Bilirubin pro Tag ergibt). Makrophagen in Milz, Leber und Knochenmark oxidieren Häm über Häm-Oxygenase zu Biliverdin und dann über Biliverdin-Reduktase zu unkonjugiertem Bilirubin. Zunächst liegt es als indirektes, unkonjugiertes Bilirubin vor — wasserunlöslich, fettlöslich, neurotoxisch bei Akkumulation (Kernikterus-Risiko bei Neugeborenen). Es wird an Albumin gebunden zur Leber transportiert (Bindungskapazität etwa 25 mg/dl Bilirubin pro 4 g/dl Albumin), dort über UGT1A1 (Uridindiphosphat-Glucuronosyltransferase 1A1) konjugiert und über das Transportprotein MRP2 (ABCC2) aktiv in die Galle ausgeschieden. Gesamtbilirubin fasst beide Anteile zusammen: direktes (konjugiertes) und indirektes (unkonjugiertes) Bilirubin. Diese Summe ist hilfreich, aber grob. Kurz: Fraktionieren. Ein Gesamtbilirubin von 2,0 mg/dl kann durch Gilbert-Syndrom nach Fasten entstehen, durch Hämolyse, durch Hepatitis oder durch Gallenstau — die direkte Fraktion entscheidet die Therapie-Richtung. Bei chronischer konjugierter Hyperbilirubinämie entsteht Delta-Bilirubin: kovalent an Albumin gebunden, mit Plasma-Halbwertszeit von 20 Tagen (analog zu Albumin selbst) — es erklärt, warum Bilirubin nach Behebung einer Cholestase noch wochenlang erhöht bleibt. Die Bedeutung entscheidet sich über direkte Fraktion, Leberwerte, Blutbild, LDH, Haptoglobin, Retikulozyten, Sonografie und Symptome. Im Unterschied zu ALT und AST zeigt Bilirubin nicht primär Zellschaden. Im Unterschied zu Gamma-GT und alkalischer Phosphatase zeigt es Transport- und Ausscheidungsstörung oder vermehrte Bildung.

Bedeutung im Stoffwechsel

Bilirubin ist Abbauprodukt des Hämstoffwechsels. Makrophagen bauen Hämoglobin zu Biliverdin und dann zu Bilirubin ab — pro Tag etwa 250-350 mg. Unkonjugiertes Bilirubin ist wasserunlöslich und albumingebunden. Bei Verdrängung des Bilirubins von der Albuminbindung (durch Sulfonamide, Salicylate, NSAR oder Hypoalbuminämie) steigt das frei zirkulierende Bilirubin und kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden — der Mechanismus hinter dem Kernikterus bei Neugeborenen mit schwerer Hyperbilirubinämie. In der Leber macht UGT1A1 das Bilirubin durch Glucuronidierung wasserlöslicher; danach gelangt es via MRP2/ABCC2 in die Galle. Dort entstehen Urobilinogen und Sterkobilin durch bakteriellen Abbau, die Urin- und Stuhlfarbe mitprägen. Bei gestörter Konjugation steigt indirektes Bilirubin: UGT1A1-TA7-Repeat-Polymorphismus (Gilbert-Syndrom, 5-10 % der Bevölkerung) reduziert die Enzymaktivität auf etwa 30 %; Crigler-Najjar Typ 1 (komplette UGT1A1-Loss-of-Function, Letalität ohne Phototherapie/Lebertransplantation) und Typ 2 (50-80 % Aktivitätsreduktion, Phenobarbital-Therapie) sind seltene autosomal-rezessive Formen. Bei gestörter MRP2-Funktion entsteht das Dubin-Johnson-Syndrom (konjugiertes Bilirubin erhöht, schwarz pigmentierte Leber in Biopsie, gutartig). Das Rotor-Syndrom (SLCO1B1- und SLCO1B3-Doppelmutation) zeigt ebenfalls konjugierte Hyperbilirubinämie ohne Lebermorbidität, mit charakteristischem Coproporphyrin-Profil im Urin. Die Messung erfolgt photometrisch über die Diazo-Reaktion (Jendrassik-Grof oder Wahlefeld-Methoden) bei alkalischem pH; direktes Bilirubin reagiert ohne Beschleuniger, indirektes erst nach Methanol oder Coffein-Zusatz.

Referenzbereich

GruppeBereichEinheit
Erwachsene, Gesamtbilirubin0,2 – 1,2mg/dl
Direktes (konjugiertes) Bilirubin< 0,3mg/dl
Unkonjugiertes Musterindirekt > 85 % des GesamtbilirubinsAnteil
Konjugiertes Musterdirekt > 50 % des GesamtbilirubinsAnteil
Sklerenikterus klinisch sichtbar≥ 2 – 3mg/dl
Hautikterus klinisch sichtbar≥ 3 – 4mg/dl
Neugeborene (Bhutani-Nomogramm)Hochrisiko ab 95. Perzentile altersabhängigmg/dl
SI-Umrechnung1 mg/dl ≈ 17,1µmol/L

Methode & Variabilität: Erwachsene, Gesamtbilirubin: Photometrie, Diazo-Reaktion (Jendrassik-Grof oder Wahlefeld); Fasten, Tageszeit, Hämolyse und Probenlicht beeinflussen den Wert; biologische CV 18-25 %, diurnale Variation 15-30 % · Direktes (konjugiertes) Bilirubin: direkte photometrische Fraktionierung ohne Akzelerator; Anteil am Gesamtbilirubin für Mustererkennung wichtiger als Einzelzahl · Unkonjugiertes Muster: Gesamtbilirubin minus direktes Bilirubin; passt zu Hämolyse, Gilbert-Syndrom, Crigler-Najjar oder Konjugationsstörung · Konjugiertes Muster: direkte Bilirubinmessung plus Gesamtbilirubin; immer pathologisch einordnen, Cholestase, Lebertransport oder Dubin-Johnson/Rotor prüfen · Sklerenikterus klinisch sichtbar: klinische Inspektion bei Tageslicht; abhängig von Hauttyp, Beleuchtung, Bindehaut-Pigmentierung · Hautikterus klinisch sichtbar: klinische Inspektion; kraniokaudale Ausbreitung; Gesicht zuerst, danach Stamm und Extremitäten · Neugeborene (Bhutani-Nomogramm): transkutane oder Serum-Bilirubinmessung, Bhutani-Nomogramm 1999; Stundenalter, Reife, ABO-Inkompatibilität, Stillen-Ikterus differenzieren; Phototherapie nach AAP-Schwellen · SI-Umrechnung: rechnerische Umrechnung; mg/dl × 17,1 = µmol/L

Was kann ein erhöhter Bilirubin gesamt-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Unkonjugierte Erhöhung entsteht häufig durch Gilbert-Syndrom (UGT1A1*28-Polymorphismus, TA7/TA7-Genotyp, Prävalenz 5-10 % in Europa, klinisch milde Hyperbilirubinämie 1-3 mg/dl, ausgelöst durch Fasten, Infekt, Schlafmangel, Anstrengung), Hämolyse (autoimmune Coombs-positive HA, AIHA, mechanische Hämolyse bei Klappenprothesen, HUS/TTP, Sichelzell-Krise, G6PD-Mangel-Krise, malariabedingte Hämolyse), körperlichen Stress oder ineffektive Erythropoese (megaloblastäre Anämie, Thalassämie major).
  • Schwere Konjugationsstörungen: Crigler-Najjar Typ 1 (autosomal-rezessiv, UGT1A1 komplett fehlt, Bilirubin 20-50 mg/dl unbehandelt, Letalität durch Kernikterus ohne Phototherapie/Lebertransplantation; Therapie: Phototherapie >12 h/Tag, Lebertransplantation), Crigler-Najjar Typ 2 (50-80 % Aktivitätsreduktion, Bilirubin 8-20 mg/dl, ansprechbar auf Phenobarbital 60-180 mg/Tag).
  • Konjugierte Erhöhung spricht für Cholestase, Gallenwegsverschluss, Hepatitis, DILI, PBC, PSC oder Störungen des Lebertransports. Bei Verschlussgelbsucht (Steine, Tumor, PSC-Stenose) klassisch direktes Bilirubin > 50 % des Gesamtbilirubins mit AP > 1,5 × ULN und Gamma-GT > 3 × ULN.
  • Gutartige genetische konjugierte Hyperbilirubinämien: Dubin-Johnson-Syndrom (ABCC2/MRP2-Loss-of-Function, autosomal-rezessiv, schwarze Leber bei Biopsie/Sonografie, Bilirubin 2-5 mg/dl, normale Leberenzyme, BSP-Test mit charakteristischem Spätanstieg, gutartig — keine Therapie nötig); Rotor-Syndrom (SLCO1B1- und SLCO1B3-Doppel-Loss-of-Function, Bilirubin ähnlich Dubin-Johnson, aber normale Leber-Histologie, charakteristisches Urin-Coproporphyrin-I-Profil >80 %).
  • Gemischte Muster bei akuter Hepatitis (A, B, C, D, E), Zirrhose, schwerer alkoholischer Hepatitis (Maddrey DF > 32), medikamentöser Leberschädigung (DILI), Wilson-Krankheit-Krise, primärer biliärer Cholangitis, primär sklerosierender Cholangitis, akuter Schwangerschaftsfettleber (AFLP), HELLP-Syndrom oder Sepsis-induzierter Cholestase.
  • Spezialformen: Bilirubinurie (dunkler bierfarbener Urin) ab konjugierter Hyperbilirubinämie >1,5 mg/dl, weil nur konjugiertes Bilirubin renal filtrierbar ist; Acholischer (heller) Stuhl bei komplettem Gallenstau.

Typische Symptome

  • Sklerenikterus (gelbe Augen) ab Bilirubin 2-3 mg/dl, klassisches Frühzeichen
  • Hautikterus mit kraniokaudaler Ausbreitung ab 3-4 mg/dl, beginnend an Stirn und Gesicht
  • Dunkler bierfarbener Urin (Bilirubinurie) bei konjugierter Hyperbilirubinämie > 1,5 mg/dl
  • Heller acholischer Stuhl bei komplettem Gallenstau (z. B. Pankreaskopfkarzinom, Steinverschluss)
  • Pruritus (Juckreiz, oft Frühzeichen bei PBC und PSC, kann vor Ikterus auftreten), nächtliche Akzentuierung
  • Müdigkeit, Übelkeit, Druckgefühl im rechten Oberbauch bei Leberbeteiligung
  • Blässe, Tachykardie, Luftnot, dunkler Urin (Hämoglobinurie) bei akuter Hämolyse
  • Bei Neugeborenen-Hyperbilirubinämie > 20-25 mg/dl: Kernikterus mit Lethargie, Hypertonie, Opisthotonus, Krampfanfällen — neurologischer Notfall
  • Bei chronischer Cholestase: Vitamin-D-Mangel-Osteomalazie, Steatorrhoe, Vitamin-A/K-Mangel

Abklärung

Gesamtbilirubin > 2 mg/dl sollte fraktioniert werden: direktes und indirektes Bilirubin trennen die wichtigsten Wege. Direktes Bilirubin > 50 % des Gesamtbilirubins ist pathologisch und lenkt Richtung Cholestase, Lebertransport oder Gallengang — Sonografie als erster bildgebender Schritt (Gallengangs-Erweiterung > 6 mm spricht für extrahepatische Obstruktion). Nach AASLD-DILI-Guidance 2023 ist ALT oder AST > 3 × ULN plus Bilirubin > 2 × ULN bei AP < 2 × ULN ohne andere Ursache ein Hy's-Law-Hochrisikomuster (Mortalität 10-50 %). Bei konjugierter Hyperbilirubinämie ohne Cholestase-Hinweis und normalen Leberenzymen: BSP-Test (Bromsulfophthalein) mit Spätanstieg oder Urin-Coproporphyrin-Profil zur Trennung Dubin-Johnson vs. Rotor. Bei unkonjugierter Erhöhung zählen Blutbild (Anämie?), LDH (Hämolyse?), Haptoglobin (<25 mg/dl bei intravasaler Hämolyse), Retikulozyten (>2 % bei kompensierter Hämolyse), Coombs-Test, Blutausstrich (Schistozyten? Sphärozyten? Sichelzellen?), G6PD-Test, Pyruvatkinase-Aktivität. Bei Gilbert-Verdacht: UGT1A1-TA-Repeat-Analyse (TA7/TA7 = Gilbert). Bei sehr hohen Werten (>30 mg/dl) und Symptomen: Crigler-Najjar-Diagnostik. Bei Neugeborenen: Bhutani-Nomogramm mit Stundenalter, ABO-/Rh-Inkompatibilität-Coombs-Test, ABO-Antikörper, transkutane Messung. Bei chronischer Lebererkrankung: Bilirubin geht in MELD-Score ein (MELD = 9,57 × ln(Kreatinin) + 3,78 × ln(Bilirubin) + 11,2 × ln(INR) + 6,43) und Child-Pugh-Klassifikation (Bilirubin < 2 / 2-3 / > 3 mg/dl als A/B/C-Punkte).

Was kann ein niedriger Bilirubin gesamt-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Niedriges Gesamtbilirubin hat meist keinen Krankheitswert. Viele gesunde Befunde liegen nahe null (Untergrenze des Routine-Assays bei 0,1-0,2 mg/dl), besonders bei effizienter Leberaufnahme und geringer Häm-Abbaulast.
  • Mendelsche Randomisierungs-Studien haben einen inversen Zusammenhang zwischen Bilirubin und kardiovaskulärem Risiko gezeigt — Bilirubin als endogenes Antioxidans (Stocker 1987). Sehr niedrige Werte (<0,3 mg/dl) gehen mit höherem KHK-Risiko einher. Klinisch wird das nicht therapiert.
  • Starke Verdünnung (massive Infusionen), Probenbedingungen (langer Lichtexposition mit 30-50 % Bilirubin-Verlust pro Stunde) oder methodische Unterschiede können niedrige Werte begünstigen.
  • Eisenmangel-Anämie ohne Hämolyse, niedrige Erythropoese-Rate bei chronischer Nierenerkrankung oder Knochenmarks-Suppression unter Chemotherapie reduzieren die tägliche Bilirubin-Produktion. Klinisch ohne eigenständige Konsequenz.

Typische Symptome

  • Niedriges Bilirubin verursacht keine typischen Beschwerden
  • Isoliert niedrige Werte brauchen meist keine Abklärung
  • Andere Leberwerte können trotzdem auffällig sein — niedriges Bilirubin schließt fortgeschrittene Zirrhose nicht aus
  • Die klinische Bedeutung liegt fast immer bei erhöhtem Bilirubin

Abklärung

Ein niedriges Bilirubin wird im Laboralltag meist nicht weiter abgeklärt. Relevant ist die Konstellation, wenn ALT, AST, Gamma-GT, alkalische Phosphatase, INR oder Albumin auffällig sind. Dann richtet sich die Diagnostik nach diesen Werten, nicht nach dem niedrigen Bilirubin. Bei klinischem Verdacht auf fortgeschrittene Lebererkrankung trotz normalem Bilirubin: FIB-4, Elastografie, MELD-Score-Berechnung, Sonografie mit Doppler. Im Unterschied zu erhöhtem Bilirubin zeigt ein niedriger Wert weder Ikterusrisiko noch Hämolyse- oder Cholestasehinweis.

Verlauf unter Therapie

Bilirubin kann rasch schwanken — biologische CV 18-25 %, diurnale Variation 15-30 % mit Morgen-Spitze. Beim Gilbert-Syndrom steigt indirektes Bilirubin nach Fasten (>24 h), Infekt, Schlafmangel oder körperlichem Stress um 50-100 % innerhalb von Stunden und fällt mit Normalisierung über 1-3 Tage. Bei Hämolyse hängt der Verlauf vom Abbau roter Blutkörperchen ab; LDH, Haptoglobin und Retikulozyten laufen mit. Bei Cholestase oder Gallenwegsverschluss steigt direktes Bilirubin oft zusammen mit AP und Gamma-GT, manchmal verzögert (24-72 h nach Obstruktion). Nach Entlastung eines Gallenwegs (ERCP mit Steinextraktion, Stent-Anlage, Cholezystektomie) sinkt Bilirubin nicht immer sofort: Delta-Bilirubin (kovalent an Albumin gebundenes konjugiertes Bilirubin) hat eine Plasma-Halbwertszeit von 20 Tagen — daher persistierender Ikterus 2-3 Wochen nach erfolgreicher Intervention trotz Resolution der Cholestase. Bei akuter Leberschädigung zählt der Verlauf mit INR und Albumin, weil Bilirubin allein die Syntheseleistung nicht abbildet. Bei chronischer Lebererkrankung: Bilirubin > 3 mg/dl als Child-Pugh-C-Kriterium, MELD-Score-Eingang. Ein Wert von 1,4 mg/dl bei bekanntem Gilbert-Syndrom wirkt anders als 4,8 mg/dl mit dunklem Urin, Juckreiz und AP-Anstieg — Quelle und Begleitwerte entscheiden.

Präanalytik: was den Wert beeinflusst

Für eine geplante Bilirubin-Kontrolle sollte extremes Fasten 24-48 Stunden vorher vermieden werden, besonders bei Verdacht auf Gilbert-Syndrom — Fasten kann indirektes Bilirubin um 50-100 % anheben. Eine normale Mahlzeitenroutine macht Verlaufswerte vergleichbarer. Alkohol und intensive körperliche Belastung 24 bis 48 Stunden vor der Abnahme können Begleitwerte verändern. Die Probe sollte vor starker Lichteinwirkung geschützt werden — Bilirubin ist photolabil und kann bei direkter Sonneneinstrahlung um 30-50 % pro Stunde abgebaut werden (Bilirubin-Lyse bei Phototherapie nutzt genau diesen Effekt; Photoisomerisation zu wasserlöslichen Lumirubin-Isomeren). Hämolyse im Röhrchen kann die Interpretation stören, vor allem wenn gleichzeitig LDH, Kalium oder AST auffallen — Hämolyse-Index auf dem Befund beachten. Medikamente (Sulfonamide, Salicylate, Indinavir, Atazanavir können Bilirubin um 0,5-2 mg/dl anheben durch UGT1A1-Inhibition oder Albuminverdrängung), neue Präparate, Infekte, Gewichtsverlust, Schwangerschaft (intrahepatische Cholestase der Schwangerschaft mit Gallensäuren >10 µmol/L) und Juckreiz gehören in den Befundkontext. Die Messung erfolgt photometrisch über Diazo-Reaktion mit Sulfanilsäure (Jendrassik-Grof-Methode mit Coffein-Akzelerator für totales Bilirubin, Wahlefeld-Modifikation). Bei erhöhtem Gesamtbilirubin sollte direktes Bilirubin ergänzt werden.

Bilirubin gesamt: Konstellation mit weiteren Blutwerten

Gesamtbilirubin wird erst durch Fraktionen klinisch nutzbar. Indirekt erhöht mit normalem ALT, AST, AP und Gamma-GT passt zu Gilbert-Syndrom (>85 % indirekter Anteil, milde Werte 1-3 mg/dl, Trigger Fasten/Infekt) oder Hämolyse (LDH erhöht, Haptoglobin niedrig, Retikulozyten erhöht); Blutbild, LDH, Haptoglobin, Retikulozyten und Coombs-Test trennen diese Wege. Direkt erhöht mit hoher AP und Gamma-GT spricht für Cholestase oder Gallenwegsproblem — EASL Cholestasis 2022 nennt AP > 1,5 × ULN plus GGT > 3 × ULN als formales Kriterium, Bilirubin als Schweregradmarker. Direkt erhöht mit starkem ALT- oder AST-Anstieg (>3 × ULN) passt zu hepatozellulärer Schädigung oder DILI. Bei Hy's-Law-Konstellation (ALT > 3 × ULN plus Bilirubin > 2 × ULN bei AP < 2 × ULN) wird Bilirubin zum Mortalitäts-Risikomarker (10-50 % Letalität), weil Zellschaden und eingeschränkte Ausscheidung zusammentreffen. Direkt erhöht ohne andere Leberwert-Auffälligkeit bei jungen Patienten: an Dubin-Johnson (schwarze Leber) oder Rotor (Coproporphyrin-Profil) denken. Im Gegensatz zur alkalischen Phosphatase hat Bilirubin keine Knochenquelle. Im Unterschied zu Gamma-GT wird Bilirubin bei sichtbarem Ikterus klinisch direkt bemerkbar. Bilirubin ist zentraler Bestandteil prognostischer Scores: MELD (Bilirubin, INR, Kreatinin — entscheidet über Leber-Tx-Listung) und Child-Pugh (Bilirubin <2/2-3/>3 mg/dl als A/B/C-Punkte).

  • bilirubin-direkt — Direktes Bilirubin trennt konjugierte (Cholestase, Dubin-Johnson, Rotor) von unkonjugierten Mustern (Hämolyse, Gilbert, Crigler-Najjar).
  • alkalische-phosphatase — AP steigt bei Cholestase zusammen mit direktem Bilirubin; EASL-Kriterium AP > 1,5 × ULN plus GGT > 3 × ULN.
  • gamma-gt — Gamma-GT unterstützt die Zuordnung zu Leber/Galle bei cholestatischen Mustern; bei Schwangerschaft-Cholestase 5'-Nukleotidase als Alternative.
  • alt-wert — ALT zeigt hepatozelluläre Schädigung; mit Bilirubin > 2 × ULN bei AP < 2 × ULN erfüllt Hy's Law.
  • ast-wert — AST ergänzt ALT bei Schweregrad, Alkoholmustern und Muskelquellen; Maddrey DF nutzt Bilirubin und INR.
  • ldh — LDH hilft bei Hämolyseverdacht — bei intravasaler Hämolyse LDH-1+2 erhöht, Haptoglobin <25 mg/dl, Retikulozyten >2 %.
  • haemoglobin — Hämoglobin-Abfall plus Bilirubin-Anstieg unkonjugiert spricht für Hämolyse; Sphärozyten, Coombs-Test, G6PD weiterführen.
  • retikulozyten — Retikulozytose >2 % bei kompensierter Hämolyse; mit unkonjugiertem Bilirubin und niedrigem Haptoglobin diagnostische Trias.

Wichtiger Einordnungshinweis

Einzelwerte sollten nie isoliert betrachtet werden. Für eine belastbare Einordnung sind Referenzbereich, Verlauf, weitere Laborwerte und die persönliche gesundheitliche Situation entscheidend.

Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?

Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll, wenn Werte deutlich außerhalb des Referenzbereichs liegen, Beschwerden bestehen oder mehrere auffällige Laborparameter gleichzeitig auftreten. Auch unklare oder wiederholt veränderte Verläufe sollten medizinisch eingeordnet werden.

Komplette Blutbefund-Einordnung statt Einzelwert

Wenn Sie Ihren gesamten Befund verständlich einordnen möchten, zeigt die vollständige Einordnung neben Einzelwerten auch mögliche Zusammenhänge zwischen mehreren Parametern.

Zur vollständigen Blutbefund-Einordnung

Häufige Fragen zu Bilirubin gesamt

Quellen

  1. European Association for the Study of the Liver (2022): EASL Clinical Practice Guidelines on sclerosing cholangitis (PSC, IgG4-SC, secondary SC). DOI 10.1016/j.jhep.2022.05.011. https://doi.org/10.1016/j.jhep.2022.05.011
  2. Fontana RJ, Liou I, Reuben A, et al. (AASLD) (2023): AASLD practice guidance on drug, herbal, and dietary supplement-induced liver injury. DOI 10.1002/hep.32689 · PMID 35899384. https://doi.org/10.1002/hep.32689
  3. Bosma PJ, Chowdhury JR, Bakker C, et al. (1995): The genetic basis of the reduced expression of bilirubin UDP-glucuronosyltransferase 1 in Gilbert's syndrome. DOI 10.1056/NEJM199511023331802 · PMID 7565000. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199511023331802
  4. Bhutani VK, Johnson L, Sivieri EM (1999): Predictive ability of a predischarge hour-specific serum bilirubin for subsequent significant hyperbilirubinemia in healthy term and near-term newborns (Bhutani-Nomogramm). DOI 10.1542/peds.103.1.6 · PMID 9917432. https://doi.org/10.1542/peds.103.1.6
  5. Gesundheitsportal Österreich (BMSGPK) (2024): Leberwerte. https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/organe-stoffwechsel/bilirubin-bil.html
  6. National Library of Medicine (NIH MedlinePlus) (2024): Liver Function Tests. https://medlineplus.gov/lab-tests/liver-function-tests/
  7. Thomas L (Hrsg.) (2020): Labor und Diagnose, 9. Auflage — Bilirubin-Stoffwechsel. ISBN 978-3-9805645-7-8 · Kap. 3.
  8. Dooley JS, Lok ASF, Garcia-Tsao G, Pinzani M (Hrsg.) (2018): Sherlock's Diseases of the Liver and Biliary System, 13th Edition — Bilirubin Metabolism and Jaundice. ISBN 978-1-118-95206-1.