Laborwert

Amylase: Normalwert, erhöht, Pankreas-Amylase

Amylase ist ein Verdauungsenzym, das Stärke in kleinere Zuckerbausteine zerlegt. Im Blut stammt sie aus zwei Hauptquellen: aus der Bauchspeicheldrüse und aus den Speicheldrüsen. Genau das macht den Wert weniger eindeutig als die Lipase. Eine erhöhte Gesamt-Amylase kann auf eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse hinweisen, aber ebenso auf eine Ohrspeicheldrüsenentzündung, eine eingeschränkte Nierenfunktion oder eine harmlose Bindung des Enzyms an Antikörper. Deshalb wird bei Verdacht auf Pankreatitis heute bevorzugt die Lipase bestimmt. Die Pankreas-Amylase, also der Anteil aus der Bauchspeicheldrüse, ist spezifischer als die Gesamt-Amylase. Diese Seite erklärt den Unterschied, gebräuchliche Referenzbereiche und typische Ursachen auffälliger Werte.

Was ist Amylase?

Alpha-Amylase spaltet die langen Ketten von Stärke und Glykogen. Beim Menschen gibt es zwei Formen: die Pankreas-Amylase (P-Typ) aus der Bauchspeicheldrüse und die Speichel-Amylase (S-Typ), die vor allem aus den Speicheldrüsen stammt, in kleinen Mengen aber auch aus anderen Geweben wie Eileitern oder Lunge. Im Blut gesunder Erwachsener liegen beide Formen nebeneinander vor, wobei die Speichel-Amylase meist etwas überwiegt. Die Gesamt-Amylase erfasst beide, die Pankreas-Amylase nur den P-Typ, indem die Speichel-Form mit Antikörpern gehemmt wird. Amylase ist ein vergleichsweise kleines Eiweiß und wird über die Niere in den Urin ausgeschieden. Daher lässt sie sich auch im Urin messen. Bestimmt wird sie mit enzymatischen Farbtests bei 37 °C, meist nach einer Referenzmethode der internationalen Fachgesellschaft für Klinische Chemie (IFCC).

Bedeutung im Stoffwechsel

Bei einer akuten Pankreatitis gelangen Pankreasenzyme ins Blut, und die Amylase steigt innerhalb weniger Stunden an. Weil sie rasch über die Niere ausgeschieden wird, normalisiert sie sich jedoch schneller als die Lipase, oft schon nach wenigen Tagen. Wer erst einige Tage nach Beginn der Schmerzen untersucht wird, kann daher eine normale Amylase trotz Pankreatitis haben. Auch bei alkoholbedingter Pankreatitis und bei stark erhöhten Blutfetten fällt die Amylase gelegentlich unerwartet niedrig aus. Umgekehrt steigen die Werte bei eingeschränkter Nierenfunktion, weil die Ausscheidung sinkt. Eine Besonderheit ist die Makroamylasämie: Die Amylase ist an Antikörper oder andere Eiweiße gebunden, der Komplex ist zu groß für die Niere und bleibt länger im Blut. Das Ergebnis ist eine dauerhaft erhöhte Serum-Amylase bei niedriger Urin-Amylase, ohne dass eine Krankheit vorliegt.

Referenzbereich

GruppeBereichEinheit
Erwachsene, Gesamt-Amylase im Serum28 – 100U/l
Erwachsene, Pankreas-Amylase im Serum< 53U/l
Amylase im UrinlaborabhängigU/l oder U/24 h
Kriterium akute Pankreatitis> 3-fache obere NormgrenzeVielfaches des Labor-Grenzwerts

Methode & Variabilität: Erwachsene, Gesamt-Amylase im Serum: enzymatischer Farbtest bei 37 °C (IFCC-standardisiert); methoden- und laborabhängig; es gilt der Bereich des eigenen Labors · Erwachsene, Pankreas-Amylase im Serum: enzymatischer Farbtest nach Hemmung der Speichel-Amylase durch Antikörper, 37 °C; methoden- und laborabhängig · Amylase im Urin: Spontanurin oder Sammelurin; abhängig von Trinkmenge und Nierenfunktion; vor allem zur Abklärung einer Makroamylasämie genutzt · Kriterium akute Pankreatitis: Amylase oder Lipase zusammen mit Klinik und/oder Bildgebung; Leitlinien bevorzugen die Lipase wegen höherer Spezifität

Was kann ein erhöhter Amylase-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Akute Pankreatitis und akuter Schub einer chronischen Pankreatitis. Die Gesamt- und die Pankreas-Amylase steigen hier meist deutlich an. Häufige Auslöser sind Gallensteine und Alkohol.
  • Abflussstörungen im Pankreasgang, Tumoren der Bauchspeicheldrüse sowie Zustand nach ERCP.
  • Erkrankungen der Speicheldrüsen wie Mumps und andere Ohrspeicheldrüsenentzündungen oder Speichelsteine. Hier ist die Gesamt-Amylase erhöht, die Pankreas-Amylase dagegen normal.
  • Eingeschränkte Nierenfunktion durch verminderte Ausscheidung.
  • Makroamylasämie: harmlose Bindung der Amylase an Antikörper mit dauerhaft erhöhter Serum-Amylase und niedriger Urin-Amylase.
  • Akute Baucherkrankungen außerhalb der Bauchspeicheldrüse, etwa Darmverschluss, Durchblutungsstörung des Darms, Durchbruch eines Geschwürs oder eine geplatzte Eileiterschwangerschaft.
  • Seltener: diabetische Ketoazidose, Essstörungen mit häufigem Erbrechen, manche Tumoren, die selbst Amylase bilden, etwa bestimmte Lungen- oder Eierstocktumoren.

Typische Symptome

  • bei Pankreatitis: plötzliche starke Oberbauchschmerzen, oft gürtelförmig in den Rücken ausstrahlend, Übelkeit, Erbrechen, Fieber
  • bei Speicheldrüsenentzündung: schmerzhafte Schwellung vor dem Ohr oder unter dem Kiefer, Schmerzen beim Kauen
  • bei Makroamylasämie: keine Beschwerden
  • Warnzeichen: Akute starke Bauchschmerzen, besonders mit Erbrechen, Fieber, Kreislaufschwäche oder Gelbsucht, sowie plötzliche Unterbauchschmerzen in der Frühschwangerschaft erfordern sofortige ärztliche Abklärung, im Zweifel über den Notruf

Abklärung

Bei akuten Bauchschmerzen wird parallel oder bevorzugt die Lipase bestimmt, weil sie spezifischer ist und länger erhöht bleibt. Eine Pankreatitis gilt als gesichert, wenn zwei von drei Kriterien vorliegen: typische Schmerzen, Anstieg von Lipase oder Amylase auf mehr als das Dreifache der oberen Normgrenze, passende Bildgebung. Bei erhöhter Gesamt-Amylase ohne Bauchbeschwerden hilft die Pankreas-Amylase zu unterscheiden, ob der Anteil aus der Bauchspeicheldrüse oder aus den Speicheldrüsen stammt. Die Nierenfunktion wird über Kreatinin und eGFR geprüft. Bleibt die Serum-Amylase ohne Beschwerden dauerhaft erhöht, spricht eine gleichzeitig niedrige Urin-Amylase für eine Makroamylasämie. Dafür kann aus Blut- und Urinwerten das Verhältnis der Amylase-Ausscheidung zur Kreatinin-Ausscheidung berechnet werden; ein sehr niedriger Quotient stützt diese harmlose Ursache.

Was kann ein niedriger Amylase-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Niedrige Amylasewerte gelten als diagnostisch weitgehend bedeutungslos. In den meisten Fällen steckt keine Erkrankung dahinter.
  • Bei ausgeprägtem Verlust von Pankreasgewebe, etwa nach langjähriger chronischer Pankreatitis, bei Mukoviszidose oder nach Operationen an der Bauchspeicheldrüse, kann vor allem die Pankreas-Amylase niedrig sein. Als Test für eine Verdauungsschwäche der Bauchspeicheldrüse ist der Wert aber nicht geeignet.

Typische Symptome

  • Ein niedriger Amylasewert verursacht keine Beschwerden
  • fettige, voluminöse Stühle, Blähungen und ungewollter Gewichtsverlust können auf eine Verdauungsschwäche der Bauchspeicheldrüse hinweisen und sollten unabhängig vom Amylasewert abgeklärt werden

Abklärung

Ein isoliert niedriger Wert braucht keine Abklärung. Bei Verdacht auf eine exokrine Pankreasinsuffizienz ist die Elastase im Stuhl der übliche Test.

Verlauf unter Therapie

Bei akuter Pankreatitis steigt die Amylase früh an und fällt meist innerhalb weniger Tage wieder in den Normbereich, schneller als die Lipase. Ein rascher Abfall bedeutet nicht automatisch, dass es den Betroffenen besser geht, und ein anhaltend hoher Wert nicht, dass die Erkrankung schwerer ist. Den Verlauf beurteilt man an Beschwerden, Organfunktionen und Entzündungswerten. Bleibt die Amylase nach einer Pankreatitis über Wochen erhöht, kann das auf eine Komplikation wie eine Pseudozyste hinweisen und wird mit Bildgebung abgeklärt. Bei Makroamylasämie bleibt der Wert über Monate und Jahre stabil erhöht; das ist bekannt und muss nicht wiederholt abgeklärt werden, sollte aber in Befunden vermerkt sein, damit er in einer späteren Notfallsituation richtig eingeordnet wird. Nach einer ERCP steigt die Amylase häufig vorübergehend an, auch ohne dass eine Pankreatitis entsteht; entscheidend ist, ob zusätzlich Bauchschmerzen auftreten.

Präanalytik: was den Wert beeinflusst

Amylase wird aus Serum oder Heparinplasma bestimmt. Citrat- und EDTA-Röhrchen sind ungeeignet, weil sie Calcium binden, das die Amylase für ihre Aktivität braucht. Nüchternheit ist für die Notfalldiagnostik nicht nötig; manche Labore empfehlen sie für geplante Untersuchungen, weil stark fetthaltiges Blut einzelne Messverfahren stören kann. Speichel darf nicht in die Probe gelangen, da er sehr viel Amylase enthält; das ist vor allem bei Kapillarblut und Urinproben relevant. Für Urinbestimmungen gibt das Labor vor, ob Spontan- oder Sammelurin verwendet wird. Eine bekannte Makroamylasämie, eingeschränkte Nierenfunktion, Speicheldrüsenbeschwerden und eine mögliche Schwangerschaft gehören auf die Anforderung.

Amylase: Konstellation mit weiteren Blutwerten

Gesamt-Amylase erhöht plus Pankreas-Amylase erhöht plus Lipase erhöht plus Oberbauchschmerz: typisch für eine akute Pankreatitis. Gesamt-Amylase erhöht bei normaler Pankreas-Amylase und normaler Lipase: Quelle eher Speicheldrüsen. Amylase und Lipase leicht erhöht plus erniedrigte eGFR ohne Beschwerden: eher verminderte Ausscheidung. Serum-Amylase dauerhaft erhöht plus niedrige Urin-Amylase plus normale Lipase: Makroamylasämie. Bei Pankreatitis mit erhöhten Leberwerten und Bilirubin ist an Gallensteine zu denken, bei sehr hohen Triglyceriden an eine fettbedingte Pankreatitis, bei der die Amylase falsch niedrig gemessen werden kann.

  • lipase — Lipase ist bei Pankreatitis spezifischer und bleibt länger erhöht; sie ist der bevorzugte Diagnosewert.
  • kreatinin — Eine eingeschränkte Nierenfunktion hebt die Amylase durch verminderte Ausscheidung an.
  • gfr — Die eGFR hilft, eine renal bedingte Amylaseerhöhung einzuordnen.
  • triglyzeride — Sehr hohe Triglyceride können eine Pankreatitis auslösen und die Amylasemessung stören.
  • alt-wert — Erhöhte ALT zu Beginn einer Pankreatitis weist auf Gallensteine als Ursache hin.
  • crp — CRP wird im Verlauf einer Pankreatitis zur Einschätzung des Schweregrads verwendet.

Wichtiger Einordnungshinweis

Einzelwerte sollten nie isoliert betrachtet werden. Für eine belastbare Einordnung sind Referenzbereich, Verlauf, weitere Laborwerte und die persönliche gesundheitliche Situation entscheidend.

Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?

Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll, wenn Werte deutlich außerhalb des Referenzbereichs liegen, Beschwerden bestehen oder mehrere auffällige Laborparameter gleichzeitig auftreten. Auch unklare oder wiederholt veränderte Verläufe sollten medizinisch eingeordnet werden.

Komplette Blutbefund-Einordnung statt Einzelwert

Wenn Sie Ihren gesamten Befund verständlich einordnen möchten, zeigt die vollständige Einordnung neben Einzelwerten auch mögliche Zusammenhänge zwischen mehreren Parametern.

Zur vollständigen Blutbefund-Einordnung

Häufige Fragen zu Amylase

Quellen

  1. Beyer G, Hoffmeister A, Michl P, et al. (DGVS / AWMF) (2022): S3-Leitlinie Pankreatitis - Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). AWMF 021-003 · DOI 10.1055/a-1735-3864 · PMID 35263785. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/021-003
  2. Working Group IAP/APA Acute Pancreatitis Guidelines (2013): IAP/APA evidence-based guidelines for the management of acute pancreatitis. DOI 10.1016/j.pan.2013.07.063 · PMID 24054878. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24054878/
  3. Banks PA, Bollen TL, Dervenis C, et al. (2013): Classification of acute pancreatitis - 2012: revision of the Atlanta classification and definitions by international consensus. DOI 10.1136/gutjnl-2012-302779 · PMID 23100216. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23100216/
  4. Ismail OZ, Bhayana V (2017): Lipase or amylase for the diagnosis of acute pancreatitis?. DOI 10.1016/j.clinbiochem.2017.07.003 · PMID 28720341. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28720341/
  5. Gesundheitsportal Österreich (BMSGPK) (2022): Alpha-Amylase. https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/organe-stoffwechsel/bauchspeicheldruese-01-amy1-hk.html
  6. Gesundheitsportal Österreich (BMSGPK) (2022): Pankreas-Amylase. https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/organe-stoffwechsel/pankreas-amylase.html
  7. National Library of Medicine (NIH MedlinePlus) (2024): Amylase Test. https://medlineplus.gov/lab-tests/amylase-test/
  8. Thomas L (Hrsg.) (2020): Labor und Diagnose, 9. Auflage, Kapitel Pankreas. ISBN 978-3-9805645-7-8.