Ab wann sind Erythrozyten zu niedrig?
Als untere Grenze gelten orientierend bei Männern etwa 4,5 und bei Frauen etwa 4,0 Millionen pro Mikroliter (Mio/µl). Manche Labore setzen die Untergrenze bei Männern tiefer an, etwa bei 4,3 Mio/µl. Die Obergrenzen unterscheiden sich zwischen den Laboren stärker, für einen niedrigen Wert zählt aber die Untergrenze. Die Einheiten Mio/µl, T/l und 10¹²/l bezeichnen dieselbe Größe: 4,5 Mio/µl entsprechen 4,5 × 10¹²/l. Maßgeblich ist der Referenzbereich auf Ihrem Befund, weil Labore mit unterschiedlichen Geräten und Methoden arbeiten.
Warum zählt das Hämoglobin mehr als die Zellzahl?
Eine Anämie wird über den Blutfarbstoff definiert: nach der Weltgesundheitsorganisation bei Männern unter 13 g/dl und bei Frauen unter 12 g/dl Hämoglobin. Die Zellzahl allein kann täuschen. Bei Eisenmangel oder einer Thalassämie sind die Zellen klein und blass, ihre Zahl kann trotzdem normal oder sogar erhöht sein. Bei großen Zellen, etwa bei Vitamin-B12-Mangel, kann die Zahl dagegen schon sinken, während das Hämoglobin noch normal ist.
Welche Ursachen sind häufig?
Am häufigsten liegt eine Blutarmut durch Eisenmangel vor, etwa nach starker Regelblutung oder durch einen unbemerkten Blutverlust im Magen-Darm-Trakt. Ebenso senken ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure, chronische Entzündungen, Tumoren und Nierenerkrankungen die Bildung roter Blutkörperchen. Nach einer akuten Blutung, etwa bei einer Operation, fällt die Zahl mit Verzögerung. Seltener werden rote Blutkörperchen vorzeitig zerstört oder das Knochenmark selbst ist erkrankt.
Was ist nach einem niedrigen Wert zu tun?
Ist nur die Zellzahl knapp erniedrigt und das Hämoglobin normal, werden meist MCV und MCH angesehen und der Wert später kontrolliert. Liegt zugleich eine Anämie vor, folgen üblicherweise Ferritin und weitere Eisenwerte, je nach Zellgröße auch Vitamin B12 und Folsäure, sowie die Retikulozyten. Bestätigt sich ein Eisenmangel, wird nach seiner Ursache gesucht. Besprechen Sie den Befund mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
Verdünnung und Messbedingungen
Die Erythrozytenzahl ist eine Konzentration: Sie hängt nicht nur von der Menge der Zellen ab, sondern auch davon, wie viel Flüssigkeit das Blut enthält. Nimmt das Plasma zu, sinkt der Wert, obwohl die Zahl der Zellen im Körper gleich bleibt. Das ist in der Schwangerschaft der Fall, bei Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportlern sowie bei einer Überwässerung. In diesen Situationen ist ein leicht niedriger Wert oft kein Krankheitszeichen.
Auch die Abnahme selbst beeinflusst das Ergebnis. Liegen und Stehen verschieben Flüssigkeit zwischen Gefäßen und Gewebe, als Standard gilt eine Abnahme nach einigen Minuten im Sitzen. Morgens liegt der Wert etwas höher als am späten Nachmittag. Bleibt eine Probe zu lange liegen, quellen die Zellen auf, und die Zahl kann falsch niedrig ausfallen. Verlaufswerte vergleichen Sie am besten, wenn die Abnahmen unter ähnlichen Bedingungen stattfinden.
Konstellationen mit MCV, MCH und Retikulozyten
Das MCV, die durchschnittliche Größe der roten Blutkörperchen, ist der wichtigste Begleitwert. Eine niedrige Zellzahl mit kleinen Zellen spricht für Eisenmangel oder Thalassämie, mit großen Zellen für Vitamin-B12- oder Folsäuremangel oder für Alkohol. Sind die Zellen normal groß, kommen eine chronische Erkrankung oder eine frische Blutung in Frage. Der MCH, also der Farbstoffgehalt pro Zelle, verhält sich meist wie das MCV.
Die Retikulozyten sind junge rote Blutkörperchen und zeigen, wie aktiv das Knochenmark gerade nachbildet. Sind sie bei niedriger Erythrozytenzahl erhöht, verliert oder verbraucht der Körper Zellen, etwa durch eine Blutung oder einen vorzeitigen Abbau, die Hämolyse. Sind sie niedrig, liegt eher eine Bildungsstörung vor, zum Beispiel durch Eisen- oder Vitaminmangel oder eine Erkrankung des Knochenmarks.
Häufige und seltene Ursachen
Eisenmangel führt die Liste an. Bei Frauen vor den Wechseljahren erklärt ihn oft die Regelblutung, bei Männern und bei Frauen nach den Wechseljahren muss eine verborgene Blutungsquelle im Magen-Darm-Trakt ausgeschlossen werden. Ein Mangel an Vitamin B12 betrifft vor allem Menschen mit veganer Ernährung ohne Ergänzung, ältere Menschen mit einer Rückbildung der Magenschleimhaut und Menschen nach einer Magenbypass-Operation.
Bei chronischen Entzündungen, Tumorerkrankungen und Autoimmunkrankheiten bremst der Körper die Blutbildung, das Ferritin bleibt dabei normal oder ist erhöht. Bei einer Nierenschwäche fehlt das Hormon Erythropoetin, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt. Seltener sind ein vorzeitiger Abbau roter Blutkörperchen, etwa bei angeborenen Hämoglobinerkrankungen wie der Sichelzellanämie, und Erkrankungen des Knochenmarks wie Leukämien oder das Multiple Myelom.
Auch eine Krebsbehandlung mit Chemotherapie oder Bestrahlung kann die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark senken. Regelmäßiger, starker Alkoholkonsum schädigt die Blutbildung ebenfalls und vergrößert oft die Zellen. Sind neben den roten auch die weißen Blutkörperchen oder die Blutplättchen erniedrigt, wird gezielt nach einer Ursache im Knochenmark gesucht, meist in der Hämatologie.
Nach einer Blutung: warum der Wert verzögert fällt
Bei einer akuten Blutung gehen Zellen und Plasma zunächst im gleichen Verhältnis verloren. Unmittelbar danach kann die Erythrozytenzahl deshalb noch fast normal wirken. Erst wenn der Körper das fehlende Volumen mit Flüssigkeit aus dem Gewebe auffüllt, sinkt die Konzentration sichtbar. Das dauert Stunden bis wenige Tage, deshalb wird nach einer Blutung oft mehrmals kontrolliert.
Die Erholung braucht mehrere Wochen, vorausgesetzt, die Eisenspeicher sind ausreichend gefüllt. Ob die Nachbildung in Gang kommt, zeigen ein Anstieg der Retikulozyten und Kontrollblutbilder. Bleibt die Erholung aus, wird geprüft, ob Eisen fehlt, ob es aufgenommen wird oder ob weiterhin Blut verloren geht, zum Beispiel über eine noch unbekannte Blutungsquelle.
Beschwerden und Verlauf
Welche Beschwerden auftreten, hängt vor allem vom Hämoglobin ab. Liegt eine Anämie vor, sind Müdigkeit, Kurzatmigkeit bei Belastung, Herzklopfen, Kopfschmerzen, Schwindel und blasse Haut typisch. Entwickelt sie sich langsam, merkt man oft lange wenig davon. Eine knapp erniedrigte Zellzahl bei normalem Hämoglobin fällt dagegen meist nur im Befund auf.
Ein einzelner Wert sagt wenig aus, eine Kontrolle nach einigen Wochen zeigt die Entwicklung. Unter einer Behandlung wird der Erfolg vor allem am Hämoglobin gemessen, die Erythrozytenzahl folgt mit. Bei Verdacht auf Eisenmangel ist es sinnvoll, Ferritin früh mitzubestimmen, weil die Zellzahl oft erst Wochen nach den Eisenspeichern sinkt.
Warnzeichen: wann rasch ärztliche Hilfe nötig ist
Rasch abklären lassen sollten Sie einen niedrigen Wert, der deutlich unter früheren Befunden liegt, oder eine gleichzeitig ausgeprägte Anämie. Dasselbe gilt bei schwarzem, teerartigem Stuhl, Blut im Stuhl oder Urin, bei gelber Haut oder dunklem Urin als möglichem Zeichen eines Zellzerfalls und wenn auch weiße Blutkörperchen oder Blutplättchen erniedrigt sind.
Wählen Sie den Notruf bei Brustschmerzen, Atemnot in Ruhe, Ohnmacht oder starker Blutung. Eine knapp erniedrigte Zellzahl ohne Beschwerden und mit normalem Hämoglobin ist kein Notfall. Besprechen Sie sie zeitnah mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und bringen Sie frühere Blutbilder zum Vergleich mit.
Häufige Fragen
Ist ein leicht erniedrigter Erythrozytenwert gefährlich?
Meist nicht. Ein Wert knapp unter der Untergrenze bei normalem Hämoglobin hat oft keine Krankheitsbedeutung, etwa bei mehr Flüssigkeit im Blut, in der Schwangerschaft oder bei Ausdauersport. Aussagekräftig wird er im Zusammenhang mit Hämoglobin, MCV und Ferritin. Ist auch das Hämoglobin erniedrigt, liegt eine Anämie vor, deren Ursache gesucht werden sollte. Eine Kontrolle zeigt, ob der Wert stabil bleibt.
Was bedeuten niedrige Erythrozyten bei normalem Hämoglobin?
Dann tragen die einzelnen Zellen im Durchschnitt mehr Blutfarbstoff und sind meist größer als üblich. Das zeigt sich an einem erhöhten MCV und MCH. Typisch ist diese Konstellation bei einem Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure. Die Bestimmung dieser Vitamine klärt, ob ein Mangel vorliegt. Liegen MCV und MCH im Normbereich, wird der Wert meist einfach kontrolliert.
Warum haben Ausdauersportler oft niedrigere Erythrozyten?
Regelmäßiges Ausdauertraining vergrößert das Blutplasma, also den flüssigen Anteil des Blutes. Die roten Blutkörperchen sind dadurch stärker verdünnt, ihre Konzentration sinkt scheinbar, obwohl die Gesamtmenge normal oder sogar erhöht ist. Diese sogenannte Sportanämie ist harmlos. Anhaltend niedrige Werte mit sinkendem Ferritin können bei Sportlerinnen und Sportlern aber auch auf einen echten Eisenmangel hinweisen.
Sind niedrige Erythrozyten in der Schwangerschaft normal?
Ein leichter Abfall ist normal. In der Schwangerschaft nimmt das Blutplasma stärker zu als die Zahl der roten Blutkörperchen, die Konzentration sinkt dadurch. Bewertet wird vor allem das Hämoglobin: Nach der Weltgesundheitsorganisation liegt in der Schwangerschaft eine Anämie unter 11 g/dl vor. Darunter wird meist nach einem Eisenmangel gesucht, der in der Schwangerschaft die häufigste Ursache ist, gefolgt vom Folsäuremangel.
Quellen
- Gesundheitsportal Österreich: Erythrozyten
- Universitätsklinikum Magdeburg: Informationen zu den Laborparametern
- KBV: Labordiagnostik bei Anämie
- Onkopedia-Leitlinie: Eisenmangel und Eisenmangelanämie
- MedlinePlus: Red Blood Cell (RBC) Count
- DocCheck Flexikon: Schwangerschaftsanämie
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