Ab wann ist die GFR zu niedrig?
Bei Erwachsenen gilt eine GFR ab 90 ml/min/1,73 m² als normal; die Einheit bezieht die Filterleistung auf eine durchschnittliche Körperoberfläche. Werte von 60 bis 89 gelten als leicht vermindert, bedeuten für sich allein aber noch keine Nierenerkrankung. Unter 60 wird die Einschränkung bedeutsam. Von einer chronischen Nierenerkrankung spricht man, wenn ein Wert unter 60 oder andere Zeichen eines Nierenschadens wie Eiweiß im Harn über mindestens drei Monate bestehen. Maßgeblich ist die Einordnung Ihres Labors.
Was bedeuten die Stadien G1 bis G5?
Fachleute teilen die Nierenfunktion in Stadien ein: G1 ab 90, G2 von 60 bis 89, G3a von 45 bis 59, G3b von 30 bis 44, G4 von 15 bis 29 und G5 unter 15 ml/min/1,73 m². Ab G4 ist die Funktion schwer eingeschränkt, G5 entspricht einem Nierenversagen. Zusätzlich wird bestimmt, wie viel Albumin, ein Bluteiweiß, mit dem Harn verloren geht. Beides zusammen beschreibt das Risiko für ein Fortschreiten und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser als die eGFR allein.
Welche Ursachen hat eine niedrige GFR?
Am häufigsten sind Diabetes und Bluthochdruck, die die feinen Nierengefäße über Jahre schädigen. Dazu kommen Entzündungen der Nierenkörperchen, Zystennieren und Abflussstörungen des Harns. Rasch kann die GFR bei einer akuten Nierenschädigung fallen, etwa durch Flüssigkeitsmangel bei Durchfall oder Erbrechen, schwere Infekte, niedrigen Blutdruck oder Medikamente wie bestimmte Schmerzmittel. Auch das Alter senkt die GFR allmählich. Manchmal ist der Wert nur scheinbar niedrig, etwa bei sehr viel Muskelmasse.
Was ist nach einer niedrigen eGFR zu tun?
Ein einzelner Wert wird meist nach einiger Zeit kontrolliert, oft zusammen mit einer Harnprobe auf Albumin. Die Ärztin oder der Arzt prüft Blutdruck, Blutzucker und Ihre Medikamente, denn viele Wirkstoffe müssen an die Nierenfunktion angepasst werden; Änderungen daran gehören in ärztliche Hand. Bei unklarem Ergebnis kann Cystatin C, ein von der Muskelmasse kaum abhängiger Wert, die Schätzung absichern. Bei rasch sinkender eGFR, wenig Harn, Atemnot oder starken Wassereinlagerungen ist rasche Hilfe nötig.
Warum die eGFR nur eine Schätzung ist
Die GFR direkt zu messen ist aufwendig. Im Alltag wird sie deshalb aus dem Kreatinin berechnet, einem Abbauprodukt der Muskulatur, das über die Nieren ausgeschieden wird. Die Formel berücksichtigt Alter und Geschlecht; heute ist meist die sogenannte CKD-EPI-Gleichung üblich. Das Ergebnis ist eine Schätzung mit Unschärfe, vor allem wenn der Körper vom Durchschnitt abweicht.
Weil Kreatinin aus den Muskeln stammt, beeinflusst die Muskelmasse die eGFR. Sehr muskulöse Menschen haben oft ein höheres Kreatinin und damit eine scheinbar niedrigere eGFR. Umgekehrt kann die eGFR bei wenig Muskelmasse, etwa im Alter, bei Bettlägerigkeit oder nach einer Amputation, die Nierenleistung überschätzen. In der Schwangerschaft sind die üblichen Formeln nur eingeschränkt brauchbar. In solchen Fällen hilft Cystatin C, das kaum von Muskelmasse, Alter oder Ernährung abhängt, oder eine Messung mit Sammelharn.
Störfaktoren vor der Blutabnahme
Da die eGFR am Kreatinin hängt, gelten dieselben Regeln. Eine große Fleischmahlzeit am Vortag kann das Kreatinin anheben, weil gekochtes Fleisch bereits Kreatinin enthält. Intensives Training oder schwere körperliche Arbeit kurz vor der Abnahme wirken ähnlich, ebenso Kreatin-Präparate aus dem Sportbereich. Die eGFR fällt dadurch niedriger aus, als es der Nierenleistung entspricht.
Auch Flüssigkeitsmangel bei Hitze, Fieber, Durchfall oder Erbrechen kann das Kreatinin erhöhen und die eGFR senken. Trinken Sie vor der Abnahme wie gewohnt. Neue Medikamente, etwa Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR oder Blutdrucksenker, sollten bei der Befundbesprechung bekannt sein. Für Verlaufskontrollen ist es günstig, im selben Labor zu messen, weil sich die Messmethoden für Kreatinin unterscheiden und ein Laborwechsel den Wert etwas verschieben kann.
Häufige und seltene Ursachen einer niedrigen GFR
Eine chronische Nierenerkrankung entwickelt sich meist über Jahre. Die häufigsten Auslöser sind Diabetes und Bluthochdruck. Weitere Ursachen sind Entzündungen der Nierenkörperchen, die Glomerulonephritis, erbliche Zystennieren, Verengungen der Nierenarterien, Harnabflussstörungen etwa durch eine vergrößerte Prostata, Autoimmunerkrankungen und die langjährige Einnahme bestimmter Schmerzmittel.
Davon zu unterscheiden ist ein rascher Abfall innerhalb von Stunden bis Tagen, die akute Nierenschädigung. Sie kann durch Flüssigkeitsmangel, schwere Infekte, einen Blutdruckabfall, eine Abflussbehinderung des Harns, Kontrastmittel oder Medikamente entstehen. In dieser Phase ist die eGFR-Schätzung unzuverlässig, weil sie stabile Verhältnisse voraussetzt; ärztlich wird dann vor allem der Verlauf des Kreatinins verfolgt.
Mit dem Alter nimmt die GFR auch ohne Krankheit allmählich ab. Ein leicht verminderter Wert bei älteren Menschen ist daher nicht automatisch krankhaft. Ob eine Nierenerkrankung vorliegt, hängt vom Verlauf, vom Eiweiß im Harn und von weiteren Befunden ab.
Begleitwerte: was zusammen beurteilt wird
Die eGFR wird nie allein bewertet. Besonders wichtig ist das Albumin im Harn, meist als Albumin-Kreatinin-Quotient aus dem Morgenharn bestimmt. Ab 30 mg/g gilt die Albuminausscheidung als erhöht. Eine Nierenerkrankung mit viel Eiweiß im Harn kann riskanter sein als eine niedrigere eGFR ohne Eiweißverlust. Ein Harnbefund mit Blick auf Blut und Zylinder sowie ein Ultraschall der Nieren ergänzen die Abklärung.
Mit sinkender Nierenleistung werden weitere Werte wichtig. Kalium kann steigen, weil die Niere es schlechter ausscheidet. Es kann eine Blutarmut entstehen, weil die Niere weniger vom blutbildenden Hormon Erythropoetin bildet. Phosphat, Calcium, Parathormon und Bicarbonat für den Säure-Basen-Haushalt werden ab mittleren Stadien regelmäßig kontrolliert. Harnsäure steigt bei eingeschränkter Nierenfunktion oft mit; Blutzucker und HbA1c zeigen, ob Diabetes beteiligt ist.
Beschwerden und Verlauf
Eine leicht bis mäßig verminderte GFR macht meist keine Beschwerden. Mit fortschreitender Erkrankung können Müdigkeit, Leistungsschwäche, Appetitlosigkeit, Konzentrationsprobleme, nächtliches Wasserlassen und Bluthochdruck auftreten. Bei stark eingeschränkter Funktion kommen Übelkeit, Erbrechen, Juckreiz, Muskelkrämpfe und Wassereinlagerungen hinzu, weil sich Stoffe im Blut ansammeln, die sonst mit dem Harn ausgeschieden werden.
Für den Verlauf zählt die Richtung. Ein langsamer, gleichmäßiger Abfall über Jahre ist anders zu bewerten als ein deutlicher Rückgang innerhalb weniger Monate. Je nach Stadium und Eiweißverlust wird die eGFR in festen Abständen kontrolliert, in fortgeschrittenen Stadien in Abstimmung mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Nierenheilkunde. Nach Beginn mancher Blutdruck- oder Diabetesmedikamente ist ein leichter, erwarteter Abfall der eGFR möglich; ob er unbedenklich ist, beurteilt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Warnzeichen: wann rasch ärztliche Hilfe nötig ist
Rasch ärztliche Hilfe brauchen Sie, wenn Sie plötzlich deutlich weniger oder gar keinen Harn mehr ausscheiden, wenn starke Wassereinlagerungen oder Atemnot auftreten oder wenn ein Kontrollwert innerhalb kurzer Zeit deutlich schlechter ist. Auch Verwirrtheit, Krampfanfälle, starke Übelkeit mit Erbrechen oder ein unregelmäßiger Herzschlag sind Warnzeichen. Dahinter kann eine akute Verschlechterung der Nierenfunktion oder ein gefährlich hohes Kalium stecken.
Fieber mit Flankenschmerzen oder ein schwerer Durchfall mit Flüssigkeitsmangel sind bei eingeschränkter Nierenfunktion ebenfalls ein Grund, nicht zuzuwarten. Eine leicht verminderte eGFR ohne Beschwerden ist dagegen kein Notfall. Besprechen Sie sie zeitnah mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, vor allem wenn Sie Diabetes, Bluthochdruck oder eine Herzerkrankung haben oder regelmäßig Schmerzmittel einnehmen.
Häufige Fragen
Ist eine eGFR unter 60 schon eine chronische Nierenerkrankung?
Nicht automatisch. Ein einzelner Wert knapp unter 60 ml/min/1,73 m² kann durch Flüssigkeitsmangel, eine Fleischmahlzeit, Training oder Laborschwankung entstehen. Von einer chronischen Nierenerkrankung spricht man erst, wenn die eGFR unter 60 liegt oder andere Zeichen eines Nierenschadens wie Albumin im Harn bestehen, und zwar über mindestens drei Monate. Deshalb wird der Wert kontrolliert und mit einer Harnprobe ergänzt.
Warum ist mein Kreatinin normal, die eGFR aber niedrig?
Die eGFR rechnet neben dem Kreatinin auch Alter und Geschlecht ein. Bei älteren Menschen kann ein Kreatinin im Normalbereich deshalb bereits einer verminderten Filterleistung entsprechen. Hinzu kommt, dass das Kreatinin bei geringer Muskelmasse niedrig bleibt, obwohl die Nieren schwächer arbeiten. Ein normales Kreatinin schließt eine beginnende Nierenschwäche nicht aus; die eGFR ist hier aussagekräftiger.
Muss ich für die eGFR nüchtern sein?
Nicht zwingend. Für gut vergleichbare Werte ist es aber sinnvoll, am Vortag auf eine sehr große Fleischmahlzeit und auf extremes Training zu verzichten und wie gewohnt zu trinken. Erwähnen Sie Kreatin-Präparate, neue Medikamente und akute Infekte bei der Befundbesprechung. Werden gleichzeitig andere Werte bestimmt, verlangt das Labor manchmal eine Nahrungspause; halten Sie sich an dessen Vorgaben.
Wann wird zusätzlich Cystatin C bestimmt?
Cystatin C ist ein körpereigenes Eiweiß, das über die Nieren ausgeschieden wird und kaum von Muskelmasse, Alter oder Ernährung abhängt. Es wird bestimmt, wenn die Kreatinin-eGFR unplausibel erscheint, etwa bei sehr hoher oder sehr niedriger Muskelmasse, starkem Übergewicht, nach einer Amputation oder bei Leberzirrhose. Eine Berechnung aus Kreatinin und Cystatin C zusammen schätzt die Nierenleistung genauer.
Quellen
- MSD Manual Profi-Ausgabe: Chronische Nierenkrankheiten
- DocCheck Flexikon: Chronische Niereninsuffizienz
- MedlinePlus (NIH): Glomerular Filtration Rate (GFR) Test
- Gesundheitsportal Österreich: Glomeruläre Filtrationsrate
- Universitätsklinikum Ulm, Klinische Chemie: Leistungsverzeichnis Kreatinin
Referenzbereiche sind orientierend; maßgeblich ist der Bereich Ihres Labors.
Passende Vertiefung
Mehrere Werte gemeinsam einordnen
Mit dem Blutbefund-Inspektor können Sie Ihren GFR-Wert gemeinsam mit den übrigen Werten Ihres Befunds einordnen lassen.
Befund hochladen und einordnen lassen